Gleich am Abreisetag beginnt es zu regnen und es sollten 7 Tage
mehr oder weniger Dauerregen werden bei Temperaturen (je nach
Höhenlage) zwischen 6 und 14 Grad. Kein guter Einstieg. Wir
hatten vor, schön langsam in Südpolen von Westen bis ganz in den
Osten zu fahren, aber das Wetter treibt uns rasch voran. Das
Riesengebirge, das Glatzer Bergland, die Hohe Tatra – alles
liegt grau in grau da, Regen und Nebel bestimmen das Bild.
Der westliche Teil Polens ist dicht besiedelt, viel
Landwirtschaft, ein Dorf neben dem anderen – schöne Schlafplätze
zu finden ist schwierig, meist wird es ein Platzerl neben einem
Getreidefeld. Wir schlafen, kochen, essen, rasten im Auto, aber
auf Dauer ist es nicht so toll, sich immer auf den 3,6 m²
aufzuhalten, die der Innenraum bietet. Aber im Freien ist es
doch nasser als im Auto (trotz Defender), das Tarp aufzubauen
ist uns zu blöd, die Gegend ladet nicht zum Verweilen ein.In
der Kälte der Hohen Tatra besagt die Wettervorhersage, dass es
noch 5 Tage so weitergehen wird – keine guten Aussichten - und
erste Gedanken, schnellstens weit in ein südliches Land zu
fahren, tauchen auf. Aber der Osten ruft und wir hoffen auf
Wetterbesserung (gebetet haben wir nicht, weil in Polen sind die
Kirchen immer so voll, dass die Leute sich sogar noch draußen
vor der Kirche anstellen).
Und je weiter wir in den Osten kommen desto angenehmer wird auch
die Landschaft, weniger Besiedelung und manchmal gibt es auch
schon ein bisschen Sonne. Ab dem 8. Tag passt nun endlich das
Wetter und es wird auch für die restlichen 3 Wochen
hauptsächlich sonnig und nur leicht bewölkt sein.
Die Landschaft im Südosten von Polen ist schön aber nicht
spektakulär, viel Wald (Laub- und Nadelhölzer gemischt), hügelig
und dünn besiedelt. Hier wird fast ausschließlich Holzwirtschaft
betrieben. Unzählige Waldwege (aufgrund des vielen Regens
äußerst viel Schlamm) in allen Schwierigkeitsstufen sind zum
Fahren da – aber auch einiges an Fahrverboten, die wir beachten.
Aufgefallen sind uns auch einige Fahrverbote in nur eine
Richtung, das heißt, man fährt einen Weg legal rein und nach 10
bis 15 km, wo man wieder auf eine größere Straße kommt, steht
eine Verbotstafel in die Richtung wo man herkommt.
Mit nur einem Auto und ohne Winde müssen wir auch des öfteren
umkehren und einen anderen Weg suchen. Es würde eine Menge
Arbeit bedeuten, hier ein festgefahrenes Auto aus dem Schlamm zu
befreien. Vorteilhaft wäre hier zumindest ein zweites Auto, wo
man sich auch mehr „trauen“ kann.
Schlafplätze sind nun leicht zu finden, meist nutzen wir eine
kleine Waldlichtung mit hohem, nassem Gras – eben urwüchsige
Natur - schön aufbereitete Wiesen sind nicht zu finden.
Rund eine Woche treiben wir uns hier im Südosten herum. Wir
kochen fast ausschließlich selbst, versorgen uns in kleinen
Geschäften (Sklep) oder auch größeren Supermärkten (Super-Sam)
mit den notwendigen Dingen. Es gibt alles zu kaufen, im großen
und ganzen zu einem Drittel oder Viertel der Preise im Vergleich
zu uns; Ausnahmen: Sprit und Bier.
Weniger schön ist die Ausnutzung der Arbeitskräfte (vorwiegend
Frauen), die in den Großmärkten als Regalbetreuerinnen arbeiten
und 12 Stunden am Tag vom Abladen der LKWs bis zum Auffüllen der
Regale alle Arbeiten übernehmen müssen, ohne dafür ausreichend
entlohnt zu werden. Besonders die Billig-Kette „Biedronka“ und
auch „Kaufland“ haben etliche Verfahren anhängig, wo engagierte
Angestellte versuchen, ihre Rechte durchzusetzen.
Geld kann problemlos am Bankomat (in größeren Städten) abgehoben
werden. Ein paar Mal probieren wir auch einige der unzähligen
Bars am Straßenrand aus, die „pierogi ruskie“ sind wirklich zu
empfehlen und für 1,5 € kann man sich satt essen.
Die Nebenstraßen sind oft in einem sehr schlechten Zustand,
tiefe Spurrillen im Asphalt, viele Schlaglöcher, auf kleineren
Straßen sind eigentlich mehr Löcher als Asphaltdecke vorhanden.
Auf jeder Schotterstraße und in jedem Gatschloch ist es schöner
zu fahren als auf diesen Straßen. In unseren Augen wird auf
diesen Straßen viel zu schnell gefahren;
Geschwindigkeitsbegrenzungen, Überholverbote, Sperrlinien und
doppelte Sperrlinien sind eigentlich nur Zierde und werden
ignoriert. Und jeder muss anscheinend jeden überholen, egal in
welcher Situation, Hauptsache man fährt als erster vornweg. Die
Unfallzahlen in diesem Land wundern nicht mehr, auch wir wurden
(unbeteiligte) Zeugen mehrerer Unfälle (auch mit
Hubschraubereinsatz).
Ein entgegenkommender LKW schleudert uns einen Stein auf die
Windschutzscheibe, für die Weiterfahrt reicht ein
Scheibenpflaster, aber daheim ist die Scheibe zu tauschen. Einen
zweiten kleinen Vorfall hatten wir noch beim Defender; das
Reserverad mit der 130er Stahlfelge ist einfach zu schwer für
die Hecktüre, einer der drei Bolzen (Schrauben) bricht (er ist
aber auch ziemlich von Rost gezeichnet – das Auto ist 15 Monate
alt!). Der Zustand einiger Straßen, die wir gefahren sind (vom
Gefühl her vergleichbar mit den Wellblechpisten Nordafrikas) hat
aber sicher auch seinen Teil dazu beigetragen. Eine Werkstatt
kann das Problem in einer halben Stunde lösen und wir können
beruhigt die nächsten zwei Wochen weiterfahren. Einen
Reserveradhalter werden wir uns aber für die Zukunft anschaffen.
Nach 15 Tagen steht die Frage im Raum, ob wir nun nach Rumänien
runter fahren oder in den Norden Polens. Wir entscheiden uns für
den Norden und fahren in die Masuren. Und wie sich zeigt, war es
eine gute Entscheidung; wir sind ziemlich alleine unterwegs,
noch gibt es keine ausländischen Touristen, erst in den letzten
Tagen merkt man, dass nun die Ferien für die Polen beginnen.
Dutzende Seen in jeglicher Größe, Wälder, Wiesen, sandige
Nebenstraßen, Waldwege, schönste Plätze für uns allein zum
Übernachten (Pole Namiotowe), abends entzünden wir das
obligatorische Lagerfeuer, Bier und „Wässerchen“ gibt es zum
Ausklang des Tages. Empfehlenswert ist die Mitnahme einer Hacke
und/oder Säge, sofern diese nicht ohnehin Bestandteil eines gut
ausgerüsteten Offroaders sind.
Wir leihen uns ein Doppelkajak aus, erkunden die Seen und
Wasserwege. Traumhaft schön und idyllisch ist es zwischen den
Bäumen, dem Schilf und den Seerosen in vollkommener Stille
(außer dem angenehmen Vogelgezwitscher) im Boot dahin zu
gleiten.
Am schönsten haben wir es vor allem an den kleineren Seen
empfunden, hier gibt es keine Motor- und Segelboote, die am
Abend anlegen. Ca. 10 Seen erkunden wir, es bleibt also noch
eine Menge für weitere Urlaube, am besten mit eigenem Kajak oder
Kanu.
Sprachlich haben wir uns anfangs schwer getan (wenn man die
unaussprechlich aussehenden Wörter im Buch sieht), aber nach
einiger Zeit können wir zumindest grüßen, Danke sagen und ein
paar Worte von den Lebensmitteln (um nicht nur immer mit dem
Finger darauf zu zeigen). 4 bis 5mal waren wir auch auf einem
Campingplatz (ca. 5 Euro für 2 Personen mit Auto), bei den
jüngeren Leuten kann man sich englisch problemlos verständigen.
Zu schnell vergeht die verbleibende Zeit und wir berechnen 2
Tage vom Norden für die Heimfahrt ein, die wir auch brauchen
(ca. 1.200 km).
Für das Erkunden der Gebiete, wo man sich länger aufhält,
empfiehlt sich der Kauf von Wanderkarten, die man im Buchhandel
oder auch Lebensmittelgeschäft bekommt. Hier sind auch die
kleinsten Sträßchen verzeichnet, die neuen Ausgaben haben alle
schon GPS-Koordinatengitter.
Wir fühlten uns so sicher in dem Land wie in jedem anderen auch.
Und zum Thema (Auto-)Diebstahl: Da sind wirklich viele
Horrorgeschichten, die man bei uns hört und diese kann man
getrost vergessen. Wir hatten eine Kasko für den Zeitraum
abgeschlossen (immerhin 340 €), ich würde es nicht mehr machen.
Alles in allem haben wir ein neues Reiseland entdeckt, in das es
sich lohnt, wieder hinzufahren.
Dauer: 5.6. bis 2.7.2005
Gesamtstrecke: 4.600 km
Defender 110 TD5 mit Innenschlafgelegenheit
Ausgaben für 2 Personen: 340 € für Treibstoff (Verbrauch unter
10 l), 400 € für Verpflegung und Sonstiges (inkl. Mitbringsel),
340 € für eine Vollkasko für 31 Tage (die hätten wir uns ehrlich
sparen können).
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